#15 Blind verstehen (Daniela)

»Katharina hörte, wie er ein Papier aus der Hosentasche zog und es auf dem Tisch glattstrich.« Diesen Satz habe ich in »Tabun« gelesen, dem ersten Fall mit der ehemaligen Staatsanwältin Katharina König. Sie ist als Erwachsene nach einem Anschlag erblindet. Mir fehlt von Geburt an das Augenlicht. Wie ich meine Umgebung wahrnehme, unterscheidet sich also von dem, was Michael über Katharina schreibt. Denn späterblindete Menschen – oder in diesem Fall eine Figur – haben Dinge gesehen, die sofort, wenn man sie nennt, in ihrem Kopf ein Bild erzeugen. Für mich bleibt nur die Vorstellungskraft.

 

Aber natürlich gibt es auch viele Parallelen. Und wie Michael in Katharinas Haut schlüpfen kann, finde ich absolut faszinierend.

 

Einmal im Bus kommt ein anderer Fahrgast auf mich zu, will mir von einem kürzlich erschienenen Buch erzählen. Darin beschreibt der Autor XY, dass sein Sehvermögen schwindet. Und jetzt meint der Mann im Bus: „Dieses Buch kennen Sie doch, oder?“

„Nein.“

„Aber … warum nicht?“

Langsam fühle ich mich verärgert und so fällt auch meine Erwiderung aus.

„Würden Sie jedes Buch lesen, in dem ein Sehender erläutert, wie es ist, dass er sehen kann?“

 

Ohne Augenlicht zurechtzukommen, ist mein Alltag. Darüber brauche ich nicht jeden Erfahrungsbericht zu studieren.

 

Aber einige Bücher reizen mich doch, wahre und erfundene Geschichten. Und Michael schreibt mit großer Präzision. Nachvollziehbar. Authentisch. Weder stilisiert er Katharina zu einer Superheldin hoch noch lässt er sie in Selbstmitleid baden. Phasenweise kann sie lachen über ihre Situation. Und andere, zum Beispiel Elias verblüffen. Bei ihrer zweiten Begegnung fängt sie an: »Sie wollen wissen, wie es ist, blind zu sein? – Schließen Sie die Augen. – Was sehen Sie?«

 

»Ja … Nichts natürlich«, entgegnet Elias. Aber Katharina korrigiert:

»Genau genommen sehen Sie jetzt nur nicht mit Ihren Augen.«

 

So genau, wie Michael das tut, versetzen sich nach meiner Erfahrung die wenigsten Autoren in eine blinde Figur. Ihm gelingt es gut, Elias schrittweise an Katharinas Welt heranzuführen; nicht plump, sondern originell. Darum wird es mir viel Freude bereiten, mit Michael zusammen Katharina und Elias weiterzuentwickeln.

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