#10 Weil die Hauptfigur führt (Daniela)

Ich zähle mich nicht zu dem Typ, der oftmals Gesten oder Mimik zeigt. Manchmal gebe ich ein passendes Geräusch von mir. Und wie sollte es auch anders laufen? Das ist, was ich von klein auf gelernt habe. Als blindes Kind werde ich über die Ohren sozialisiert. Außerdem nehme ich Berührungen wahr, sobald ich gestreichelt werde oder jemand meine Hand führt, damit ich einen Gegenstand betasten kann. Meine Mutter macht das heute noch so. Und ihre Aufmerksamkeit, mir die Welt zu erklären, erfüllt mich oft mit Wärme im Bauch und großem Dank. Sie zeigt mir Formen und Vielfalt, die mir sonst entgehen würden.

 

Doch was bedeutet das, um Bücher zu schreiben? Wie setzen sich Autoren ohne Sehvermögen mit den visuellen Reizen auseinander?

 

Bei mehreren Betroffenen fällt mir auf, dass sie einfach weglassen, was es in ihrem eingeschränkten Raum nicht gibt. Gesichtsausdrücke, Körperhaltung, aber auch die Beschreibung von Menschen und Umgebung – all das bleibt in ihren Texten außen vor.

 

Ich habe auch von einem sehenden Schriftsteller gehört, der solche Dinge übergeht. Dann passiert es absichtsvoll, sozusagen in einem Experiment. Doch wenn ein Blinder nicht darüber schreibt, nur weil ihm die entsprechende Wahrnehmung fehlt, bin ich enttäuscht. Schließlich führt nicht der Autor durch das Buch, sondern eigentlich die Hauptfigur. Aus ihrer Perspektive sollen Leser die Geschichte erleben.

 

Katharina König, die Protagonistin aus »Tabun«, ist nach einem Attentat erblindet. So hat sich Michael das ausgedacht. Dann hat er einiges unternommen, um ihrem Gefühls- und Alltagsleben nachzuspüren. Dabei reicht es nicht zu sagen, jetzt geht das Licht aus. Denn Katharina muss umlernen. Ihre übrigen Sinne besser trainieren. Auch sind Erinnerungen hilfreich.

 

Dann kommt Elias als ein Partner, der sie unterstützt, ihr so manches erleichtert. Und wie Michael von Katharina erzählt, möchte ich Elias wiedergeben: authentisch. Denn ein sehender Charakter, dem die optische Wahrnehmung fehlt, wäre in meinem Verständnis völlig verkehrt. Bei einem Cheeseburger möchte ich doch auch nicht auf die Ketchupsoße verzichten. Bücher werden für den Markt geschrieben. Es macht mich Stolz, wie viele Leser ihr Vertrauen in mich setzen, indem sie Geld für meine Romane bezahlen. Sie erwarten einen gelungenen Abend, bis tief in die Nacht hinein. Deshalb will ich niemanden enttäuschen. Also wie gelingt es mir, möglichst »normal« zu schreiben?

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