#9 Blindversuch (Michael)

Mitte des Monats wird Daniela für drei Tage zu mir kommen. In einem Workshop wollen wir an unserer Idee arbeiten, die Grundlagen schaffen für den nächsten, nervenaufreibenden Fall von Katharina König. Wir werden über Handlungsideen sprechen und abstimmen, wohin sich welche Figur entwickeln soll. Daraus wird der Plot entstehen.

 

Außerdem ist angedacht, dass ich einmal Daniela besuche, um zur Einstimmung im Selbstversuch noch einmal blind zu leben. Doch gegenüber der Woche damals vor »Tabun« lege ich noch eins drauf. Ich verbringe zwei oder drei Tage in einer mir komplett fremden Umgebung, einer Wohnung, die ich nie zuvor gesehen habe; und mit Leuten, die ich – außer Daniela – vorher nicht kennengelernt habe. Davor habe ich noch heftig Respekt.

 

Ich denke an eindrucksvolle Erlebnisse von meinem ersten Blindversuch zurück. Meine Mobilitätstrainerin gab mir die Aufgabe, zu dem ca. 400 Meter entfernten, türkischen Supermarkt zu gehen und dort Bananen zu kaufen. Hört sich einfach an … Doch erst nach zweieinhalb Stunden war ich wieder zu Hause, fix und fertig. Hinter mir lag große Verunsicherung, das Verirren in einem Hof zwischen Mülltonnen, das Rempeln gegen einen Stromkasten.

 

Schließlich stand ich am Straßenrand und horchte auf den belebten Verkehr. Ich musste entscheiden, wann ich die Straße queren konnte. Und es kostete mich viel Überwindung, einfach loszulaufen. Ein Gefühl wie vermutlich beim ersten Bungee-Sprung. Und was die Menschen um mich herum wohl empfanden, während ich in der Ablage das Obst und Gemüse abtastete? Kohlkopf. Blattsalat, Äpfel und dann … Bananen! Was für ein Erfolgserlebnis. Da bekommt man einen so großen Respekt vor blinden Menschen, mit denen ich auch für die Recherche sprechen durfte, die Reisen mit Bus und Bahn quer durch Deutschland machen, ganz alleine. Den Mut hätte ich vermutlich nie.

 

Wenn wir uns bei Daniela treffen, werde ich wieder Augenpflaster unter der Blindbrille tragen, obwohl diese lichtdicht ist. Aber ich muss mein Hirn austricksen. Sonst versucht der Sehnerv, verzweifelt wie ein Autofokus, in den zwei Zentimetern Schwarz innerhalb der Brille etwas zu erkennen und scharfzustellen. Das führt nach kurzer Zeit zu Kopfschmerzen und einem regelrechten Muskelkater in den Augen. Werden hingegen die Lider mit den Augenpflastern geschlossen gehalten, schalten die Augen ab, da es ja nichts zu suchen und sehen gibt.

 

Der neue Selbstversuch soll mir helfen, mich mit der blinden Protagonistin wieder glaubwürdig und realitätsnah in ein Abenteuer zu stürzen. Und das wird diesmal wieder packend bis zur letzten Seite, versprochen!

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