Leseprobe "Wimmerholz"

Der Koffer stand gepackt im Flur. Es war Freitag, halb neun Uhr an einem Morgen im Juni 1998. Carl blickte nochmal auf das Flugticket. „Visby - Tallin, Gate A, schließt um 9 Uhr 40. Alles klar, das kann ich mir merken“.

Er klang gut gelaunt und steckte das Ticket zusammen mit der Einladung zum „Internationalen Kongress für mittelalterliche Geschichte“ in die Innentasche des braunkarierten Jacketts.

„Ich denke, ich bin soweit!“, sagte er, während seine Hände prüfend alle Taschen seiner Jacke nochmals abtasteten. „Du hast einen wunderbaren Tag erwischt. Der Flug nach Tallin wird sicher ruhig werden“, sagte Lena, während sie ihm das Jackett auf dem Rücken glatt strich.

Wie jedes Mal, wenn Carl verreiste, blickte er nochmal zurück und warf einen Blick durch das große Wohnzimmerfenster ihres alten gemütlichen Häuschens in der Nygatan. So gerne er auch verreiste und seiner Forschung nachging, so sehr hasste er es, nach fast vierzig Jahren immer noch, Lena zu verlassen - auch wenn es diesmal nur für vier Tage sein sollte.

„Montagabend bin ich zurück, mein Schatz. Was hast du außer dem Kirchenkonzert noch vor?“, fragte er Lena. Zu sehr hatte es ihn geärgert, dass er ausgerechnet am Sonntag nicht da sein konnte, wenn seine Frau mit ihrem Chor das große jährliche Konzert hatte. Sie leitete den Chor seit acht Jahren mit großem Erfolg, und der Dom war außer an Heiligabend nur zu diesem Konzert überfüllt, darüber witzelte sie gerne. Ausgerechnet dieses Jahr, wenn sie das erste Mal seit Langem wieder ein Solo selbst spielte, konnte er nicht dabei sein.

Die Akustik des mittelalterlichen Gebäudes ließ einen großartigen Klang für Lenas Violine erwarten. Es würde gewiss der Höhepunkt des Konzerts, da war sich Carl sicher. Das geplante Stück hatte sie zuletzt in ihrer Zeit an der Philharmonie in Stockholm als erste Geigerin gespielt. „Heute habe ich noch zwei Schüler, Emma und Björn“, gab sie zur Antwort, „und morgen will ich im Dom für Sonntag einiges vorbereiten.“

Carl nahm seinen Trolley, hängte die Laptoptasche um und gab ihr einen innigen Kuss. Sie umarmten sich lange und Lena sah ihm zu, wie er ins Taxi stieg. „Ruf mich an oder schick eine SMS, wenn du angekommen bist“, rief sie ihm zu. Er nickte, winkte ihr zu, und das Taxi fuhr die enge Nygatan langsam über das Kopfsteinpflaster davon.


Seit 1970 bewohnten sie nun das kleine gelbe Haus. Im Erdgeschoß rechts hatte Lena ihren Musikraum eingerichtet, mit einem Klavier, verschiedenen Streichinstrumenten, Notenständern und einem grau-rot gestreiften Sofa. „Musikskola Lena Persson“ stand auf dem glänzenden Messingschild an der Tür. Obwohl sie Karriere gemacht hatte in verschiedenen bekannten Orchestern, war doch diese kleine Musikschule und die Arbeit mit den Kindern und dem Domchor für sie der Höhepunkt ihrer Laufbahn. Lena konnte sich nichts Schöneres vorstellen und ihre Schüler liebten sie. Neben dem jährlichen Kirchkonzert organisierte sie im Rahmen der Kulturtage ein großes Symphoniekonzert in der St.-Nikolai-Ruine, einer der zehn großen mittelalterlichen Kirchenruinen, die das Stadtbild Visbys prägen.


Die Doppelstunde mit Emma, einem neunjährigen Mädchen, verlief wie immer. Sie hatte ihre Etüden geübt, aber mancher Halbton und insbesondere das Vibrato ließen erahnen, welche Ausdauer und Hartnäckigkeit noch notwendig sein würden, um aus Emma eine Geigenspielerin zu machen; womöglich sogar eine gute, denn sie hatte Talent.

 Mit großer Geduld begannen sie die Übungen immer wieder von vorne, wenn die Geige ein unerwünschtes Nebengeräusch erzeugte. Das Mädchen erinnerte Lena sehr an sich selbst, als sie in dem Alter war. Als sie auf dem elterlichen Gut in Ostpreußen mit der Geige heimlich unter dem Scheunendach übte - weil Vater und Mutter bereits eine Karriere als große Opernsängerin für sie vorgesehen hatten und es nicht gerne sahen, wenn sie ihre Zeit mit der Geige vergeudete, statt Tonleitern rauf und runter zu singen. Die Arbeiter auf dem Gut hatten es hingegen geliebt, wenn Lena spielte. Es war eine willkommene Unterhaltung und Abwechslung bei der harten Arbeit auf dem Gut. Selbst den polnischen und französischen Zwangsarbeitern konnte sie damit die schwere Zeit etwas erleichtern.


Emma setzte gerade zum dritten Mal für die Etüde in E-Dur an, als es an der Tür klingelte. Lena wunderte sich, denn sie erwartete keinen Besuch und die nächste Unterrichtsstunde war erst am Nachmittag. „Emma, wir machen Schluss für heute! Das war ganz großartig. Bitte übe die drei Etüden weiter und nächstes Mal spielen wir sie mal gemeinsam, was hältst du davon?“, fragte Lena lächelnd, während sie sich vom Sofa erhob. Die Augen des Mädchens strahlten. Es galt unter Lenas Schülern als Auszeichnung, wenn ihre Lehrerin mit ihnen zusammen spielte. Das machte sie nur in besonderen Fällen. Beseelt packte Emma ihre Geige in den Instrumentenkoffer und folgte Lena zur Tür. „Bis nächsten Dienstag!“, verabschiedete sich Emma, ohne sich noch mal umzuschauen und fegte durch die Tür, kaum dass Lena sie geöffnet hatte.


„Lena Persson?“, fragte der Postbote, der etwas verdattert vor der Tür stand, weil ihn das kleine Mädchen fast umgerannt hatte, „oder Lena Greven?“

„Eigentlich beides“, antwortete Lena neugierig, während der Mann einen Briefumschlag aus seinem Fahrradkorb zog.

„Ja, was denn nun?“, fragte er etwas irritiert. „Persson ist mein Nachname, Greven einer meiner Mädchennamen“, antwortete Lena ruhig. „Ach, Sie haben auch noch mehrere Mädchennamen?“, wunderte sich ihr Gegenüber brummig, was Lena eher amüsierte. Er war wohl neu auf der Tour und heftig in Zeitnot, da er ja die Route noch nicht kannte. „Das ist eine längere Geschichte. Möchten Sie sie hören?“, fragte Lena. Sie konnte nicht widerstehen, den armen Briefträger etwas zu necken.

„Nein, danke“, kam es prompt zurück, „ich habe ein Einschreiben für Sie, unterschreiben Sie bitte hier.“ Er hielt ihr einen Quittungsblock und einen Kugelschreiber hin, Lena unterschrieb und er übergab ihr einen Briefumschlag. Mit einem knurrigen „Tack så mycket“ schwang er sich aufs Fahrrad und rollte zwei Häuser weiter. Lena schaute ihm amüsiert nach, ging ins Haus und schloss die Tür hinter sich. Sie betrachtete den Umschlag. Er trug ein Wappen und daneben prangte die Adresse eines Notars: Anders Holmquist, Strandvägen 17, 104 40 Stockholm.

„Oh, eine sehr gute Adresse. Aber Holmquist ... nie gehört“, wunderte sich Lena und ging hinaus auf die Terrasse. Sie setzte sich in einen der Korbsessel und schlitzte den Umschlag vorsichtig mit dem silbernen Brieföffner auf, den sie von der Kommode im Flur mitgenommen hatte. Sie nahm den Brief heraus und begann zu lesen…



Gespannt, wie es weitergeht?